FDF DachNews - Ausgabe 2/2021
Herr Marx, wie sehen Sie die aktuelle Konjunkturlage am Dach? Marx: Das Dachdeckerhandwerk hat das letz- te Jahr mit einem Plus von 7 Prozent abge- schlossen und insgesamt einen Umsatz von 11,4 Mrd. Euro erreicht. Aktuell berichten die Betriebe von sehr hohenAuftragsvorläufen, das ist natürlich auch ein positives Signal. Gründe sind verbesserte Förderlandschaft gepaart mit niedrigen Zinsen. Hinzu kam, dass in der Pan- demie kaum Geld in Reisen und ähnliches geflossen ist, sondern stattdessen ins Eigenheim investiert wurde. Insgesamt sind wir also bis- lang sehr gut durch die Pandemie gekommen. Bislang? Marx: Nun haben wir ein Problem beimMate- rial. Aufgrund von Lieferengpässen und zum Teil drastischen Preiserhöhungen vor allem bei Bauholz, aber auch bei Dämmstoffen, erleben wir schon erste Baustellenstopps, weil einfach Material fehlt. Das sorgt natürlich für Verdruss bei den Bauherren. Hinzu kommt die Schwie- rigkeit der Preiskalkulation. Wie soll ich als Dachdecker seriöse Preisangebote an den Kun- den geben, wenn meine Einkaufspreise morgen schon wieder Schall und Rauch sind? Wie nimmt man das im Handwerk auf? Marx: : Man sieht das natürlich schon mit gro- ßer Sorge. Am Anfang wurde auch Marktma- nipulation vermutet. Es ist auch schwer zu ver- stehen, dass Preise in so kurzer Zeit so explo- dieren. Wir stehen daher auch seit Beginn die- ser Entwicklung im engen Kontakt mit der Industrie und dem Bedachungsfachhandel und konnten die Diskussion somit wieder versach- lichen: Es war einfach eine Verkettung unglück- licher Umstände, die gleichzeitig zusammen- gekommen sind und die in der Summe dieses Preis-Bild ergeben haben. Das heißt konkret? Marx: In den USA wur- den z. B. pandemie- bedingt viele Werke geschlossen. Es wurde dort insgesamt durch einen langen Winter weniger Holz eingeschlagen. Hinzu kamen auch schwere Unwetter im Osten der USA, die die Chemiewerke der Zulieferindustrie zum Stillstand brachten. Ein Werk in Belgien wurde technisch stillgelegt. So ist ein Flaschenhals entstanden, bei dem es dann zu Lieferproble- men bei Holz und EPS-Dämmstoffen kam. Wir versuchen nun, das Schlimmste zu verhindern. Zum Beispiel raten wir Betrieben dazu, Preis- gleitklauseln in Angeboten zu verwenden. Auf politischer Ebene wiederum suchen wir das Gespräch, um auf dem Markt für Entspannung zu sorgen. Das ist nicht leicht für die Betriebe bei der Angebotsabgabe. Marx: Hohe Preise kann man dem Kunden durchaus vermitteln. Aufgrund der Berichter- stattung in den Medien hat jeder Bauherr inzwischen mitbekommen, dass Bauen wegen der Materialkrise teurer wird und nicht, weil die Handwerker schlecht kalkuliert haben. Der Kunde akzeptiert das, wenn er trotzdem ein verlässliches Angebot bekommt. Er ist natür- lich wenig erfreut, wenn der Preis sich nach zwei Monaten Vorlauf noch mal deutlich erhöht. Was war denn nun bei Holz? Marx: Das hat sich sicher schon seit einiger Zeit angedeutet. Seit Dezember fingen die Preise an zu steigen. Vorher waren sie aller- dings auch auf einem Zehn-Jahres-Tief auf einem sehr niedrigen Stand. In den letzten Jah- ren ist der Bedarf beim Holz immer weiter gestiegen, das liegt auch daran, dass die Holz- bauweise zunehmend attraktiver wird, aber auch an einem generellen Bauboom in den USA, aber auch in China und Europa. Zwi- schen USA und Kanada bestanden bis vor kur- zem noch Einschränkungen durch das von Trump gekappte Freihandelsabkommen. Hinzu kam, dass auch Kanada seit Jahren mit Borken- käferbefall zu kämpfen hat. In den USA sind Sägewerke pandemie-bedingt ausgefallen. So fing man an, in Europa einzukaufen, und zwar zumeist Schnittholz. Das brachte unsere Säge- werke ans Limit und die Holzpreise gingen nach oben. China wiederum hat im letzten Jahr viel Rohholz geordert. Jetzt erleben wir zum Glück langsam ein Ende der überreizten Preise und auch die Produktion in den USA und der Einkauf in Kanada läuft wieder stärker an. Die Lage beginnt sich langsam zu normalisieren. Man hat so bisschen das Gefühl, Dach- latten sind das neue Toilettenpapier. Alle bunkern es. Die Regale sind leer. Marx: Hamsterkäufe sind sicher eine große Gefahr. Aber hier bin ich vor allem dem Handel dankbar, da man vonAnfang an keine Hamster- käufe zugelassen hat, sondern Holz nur auf- tragsbezogen verkauft wurde. Sonst hätten es nur einige wenige gebunkert und viele andere Baustellen hätten in der Folge still gestanden. Das wäre schlecht für alle. Der Preis im Holz wird weiter hoch bleiben, aber die Verfügbar- keit wird sich entspannen. CO 2 Einsparung ist ein Boomthema. Die Grünen fordern für jedes Dach eine Solaranlage. Marx: Wir sind ganz klar Klimaschützer, das sagt schon unser Slogan ‘Beim Klimaschutz ganz oben’. Aber die Forderung einer Solaran- lage auf jedes Dach halten wir für den falschen Ansatz. Nicht jedes Dach ist dafür geeignet. Und wir beobachten häufig, dass PV-Anlagen auf ungedämmte Dächer gebaut werden. Wenn hier einmal Panels montiert sind, wird das Dach die nächsten 20 Jahre nicht mehr saniert, es sei denn, es stürzt vorher ein. Hier geht viel Energieeinsparpotential bei der energetischen Sanierung verloren. Auch bei Wohngebäuden. Was ist dann ein sinnvoller Klimaschutz am Dach? Marx: Wir haben derzeit eine Sanierungsquo- te im Gebäudebestand von 1,3 Prozent. Wenn wir die Klimaziele, die wir uns für 2050 gesteckt haben, erreichen wollen, muss diese Quote auf mindestens 2,0 Prozent erhöht wer- den. Insgesamt gibt es derzeit noch über 10 Millionen unzureichend gedämmte Dächer. Wir sehen daher als zielführenden Ansatz, die Dachflächen, die für die Stromerzeugung durch zusätzliche PV-Anlagen genutzt werden, gleichzeitig energetisch zu modernisieren. Die Kombination einer vernünftigen Dämmung plus PV-Anlage ist der richtige Weg. Wir sagen also: Keine PV-Anlage ohne Dämmung. Wie bringt man das dem Hausbesitzer bei? Diese scheinen einzig auf Rendite- rechnungen von PV-Anlagen zu schauen. Marx: Dieser Weg müsste mit einem Förder- szenario hinterlegt werden: Es sollten 20 Pro- zent Förderung für die Gebäudehülle kombi- niert werden mit weiteren 25 % für die gleich- zeitige Installation einer PV- oder Solarther- mieanlage. Dann hätte man für die Gesamt- maßnahme 45 Prozent maximale Förderung. Das ist der gleiche Satz, den man auch bei der Heiztechnik erhalten kann. Damit wäre man auf einem guten Weg, um die Klimaziele zu erreichen. Mit dieser Forderung werden wir an die Politik gehen. Sind denn die Dachdecker stark und wil- lens genug in Sachen Solartechnik oder wird dieser Zukunftsmarkt nicht ein wenig vernachlässigt? Marx: Diese Frage ist berechtigt. Wir können hier noch mehr tun. Von der Ausbildung her kann der Dachdecker das. Aber hier müssen noch mehr Dachdeckerbetriebe tatsächlich einen Schwerpunkt ihrer Tätigkeit bilden. Das gilt im Übrigen auch für das Thema Gründach. Was empfehlen Sie für diese Zukunfts- märkte? Marx: Eine Lösung sind sicher Kooperatio- nen. Bei Solar z. B. mit einem Elektrofachbe- trieb, bei Solarthermie mit einem SHK´ler oder beim Gründach mit einem Gartenbauer. Aber gerade das Thema PV wird mit steigender Anzahl von Indachlösungen und einfacherer Verkabelung auf dem Dach dem Dachdecker immer mehr in die Karten spielen. Hier müssen sich unsere Betriebe vor allem auch Beratungs- kompetenz aneignen. anderen überzeugt. Und nicht zuletzt ist auch das Thema Kli- maschutz für viele jun- ge Menschen span- nend, und da hat das Dachdeckerhandwerk einiges zu bieten. Fachkräftemangel, Solartechnik, Mate- rialpreise machen das Bauen am Dach aber auch immer teurer. Können sich das Normalverdiener noch leisten? Marx: In der Tat, eine Dachsanierung ist nicht billig. Aber man will auch einen aktuellen Standard und neueste Technologien haben. Es geht ja neben Dichtigkeit und Dämmung um Lüftung und Luftdichtig- keit. Hinzu kommt Ener- giegewinnung für den Klimaschutz der Zukunft. Nachhaltiges Bauen hat auch seinen Preis. Vorfer- tigung wird sicher ein Thema zur Kostenreduk- tion werden. Aber tendenziell wird Bauen eher teurer und nicht billiger. Es ist nun an der Poli- tik zu beantworten, ob zum Beispiel Familien hier mit einer Förderkulisse geholfen wird. Abschlussfrage: Welche Eigenschaften machen den Dachdeckerbetrieb zukunftsfähig und erfolgreich? Marx: Es ist vor allem viel mehr Beratungs- kompetenz für die Zukunft entscheidend, als dies in den letzten 10 oder 20 Jahren der Fall war. Hier wird der Verbraucher vom Dachdek- ker einiges fordern. Dann geht es auch vor dem Hintergrund des Fachkräftemangel um Moti- vationsfähigkeit gegenüber den Mitarbeitern. Diese müssen die Betriebsziele mittragen. Und dann gibt es die Bereitschaft, an Schnittstellen mit anderen Branchen zu kooperieren. Die Ver- netzung mit strategischen Partnern z. B. bei Gründach oder PV wird vor allem für kleine Betriebe wichtig. Wenn sich dann die Betriebe noch mehr als bisher digital aufstellen, um Arbeitserleichterungen in den Praxisalltag zu bringen, haben Dachdecker sehr gute Aussich- ten auf Erfolg. Nach bislang sehr gut überstandener Corona-Pandemie gerät der Dachbau in Deutschland derzeit mit massiv steigenden Materialpreisen und teils sogar Lieferengpässen erstmals in schwierigeres Fahrwasser. Wie damit umzugehen ist und worauf es in Zukunft ankommt, erklärt der Hauptgeschäftsfüh- rer des Zentralverbands des Deutschen Dachdeckerhandwerks (ZVDH) Ulrich Marx im DachNews Exklusiv-Interview. “Die Verfügbarkeit im Holz wird sich entspannen” “Am Anfang wurde von einigen eine Art Verschwörung durch Marktmanipulation vermutet. Es ist auch schwer zu verstehen, dass Preise in so kur- zer Zeit so explodie- ren können.” “Das Thema PV wird mit stei- gender Anzahl von Indachlö- sungen und einfacherer Ver- kabelung auf dem Dach dem Dachdecker immer mehr in die Karten spielen. Hier müs- sen sich unsere Betriebe vor allem auch Beratungskompe- tenz aneignen.” 12 BRANCHE AKTUELL N EWS D ACH 2/21 13 Zur Person Ulrich Marx ist Rechtsanwalt, arbeitete nach dem Studium in Bonn in einer Wirtschafts- kanzlei. In der Folge war er 15 Jahre lang Geschäftsführer des Zentralverbands Raum und Ausstattung. Seit Juni 2009 ist er als Hauptgeschäftsführer des Zentralverbands des Deutschen Dachdeckerhandwerks tätig. Der 56-Jährige ist verheiratet und hat einen erwachsenen Sohn. Zum Verband Der Zentralverband des Deutschen Dachde- ckerhandwerks e. V. (ZVDH) ist ein Arbeit- geberverband. Er vertritt die fachlichen, wirt- schaftlichen, sozialen und kulturellen Interes- sen des Dachdeckerhandwerks mit seinen rund 15.000 Dachdeckerbetrieben, die einen Jahres-Umsatz von über zehn Milliarden Euro erwirtschaften. Der ZVDH erstellt Fach- regeln, Richtlinien und Arbeitshinweise für das gesamte Tätigkeitsgebiet und arbeitet in zahlreichen Gremien – auf nationaler wie europäischer Ebene. Unmittelbare Mitglieder des ZVDH sind alle Landesinnungsverbände und Landesinnungen des Dachdeckerhand- werks in Deutschland. Brauchen wir nicht eigentlich auch mehr Mitarbeiter und langfristig auch mehr Betriebe im Dachdeckerhandwerk, auch um das genannte Klimaziel theoretisch überhaupt erreichen zu können? Marx: Das Thema Fachkräftemangel ist sicher nach wie vor hoch aktuell. Wir benöti- gen durchaus neue Mitarbeiter. Daher inve- stiert die gesamte Berufsorganisation auch kräftig in die Nachwuchswerbung. Und mer- ken auch erste Erfolge. Im Gegensatz zu vielen anderen Berufen haben wir es geschafft, die Zahl der Auszubildenden seit 2018 wieder zu steigern, zuletzt sogar um fast 7 % - und das gegen den Trend auf dem Ausbildungsmarkt. Aber es reicht immer noch nicht aus, um die aktuelle und auch künftige Auftragsflut zu bewältigen. Hat denn Corona eine quantitative oder qualitative Auswirkung auf den Ausbil- dungsmarkt? Marx: Ob die Qualität der Auszubildenden durch weniger Schulunterricht während Coro- na gelitten hat, kann man sicher erst in zwei oder drei Jahren abschätzen. Während der Pan- demie ist es für die Betriebe natürlich spürbar schwieriger geworden, den Kontakt zu poten- tiellen Auszubildenden zu finden. So hat es zum Beispiel keinerlei Berufsbildungsbörsen im letzten Jahr gegeben. Hier waren wir sehr stark auf Soziale Medien angewiesen. Wir wis- sen aber auch, dass es wichtig ist, die Eltern für die Berufswahl ihrer Kinder zu erreichen. Daher haben wir zum Beispiel kurze Imagefil- me fürs Dachdeckerhandwerk erstellt und die- se über Social-Media gespielt. Insgesamt konn- ten wir vielleicht ein Stück weit als “Freiluft- beruf” punkten: Als Dachdecker bist du krea- tiv, arbeitest an der frischen Luft und es besteht wenig Gefahr, sich mit Corona zu infizieren. Aber auch, dass die Dachdecker gut durch die Coronazeit gekommen sind, der Beruf also eine gewisse Sicherheit bietet, hat den ein oder “Als Dachdecker bist du krea- tiv, arbeitest an der frischen Luft und hast wenig Gefahr, Dich mit Corona zu infizieren. Auch beim Klimaschutz hat der Beruf jungen Menschen einiges zu bieten.”
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