FDF DachNews - Ausgabe 2/2017

10 TECHNIK 2/17 N EWS D ACH Obwohl sich das Material Blei durch eine äußerst hohe Lebensdauer auszeichnet, sind viele alte Konstruktionen marode. Dies liegt an ihrer altertümlichen Bleirezeptur. Anders als heute wurde Blei früher nicht legiert, wodurch das Material spröder ist und reißt. Moderne Bleibleche wie das Saturnblei des Krefelder Herstellers Röhr + Stolberg bestehen aus Kup- ferhüttenblei mit einem Kupferanteil von 0,04 bis 0,05 und einem Zinnanteil von maximal 0,05 Prozent, wodurch die mechanischen Eigenschaften sowie der Korrosionswiderstand verbessert werden. Tipp 1: Blei braucht Platz Blei hat einen hohen Wärmeausdehnungskoef- fizienten. Jedes Bleiblech wächst bei einem Temperaturanstieg um hundert Grad Celsius um drei Millimeter pro Meter. Diese Tempera- tur wird an heißen Sommertagen auf Dächern leicht erreicht und überschritten. Jede Kons- truktion muss diese Bewegung einkalkulieren − sowohl in den Längen als auch in den Tiefen der Umschlagkanten von Falzen. „Der häufigs- te Anwendungsfehler ist die Verarbeitung von zu langen Scharen“, weiß Jürgen Seifert, Anwendungstechniker von Röhr + Stolberg. „Zwar kann man damit Zeit sparen, zahlt aber letztlich drauf. Werden die Bleche nicht gefalzt, sondern in größeren Längen gelötet, erhöht sich das Risiko von Spannungsrissen. Bei Erwärmung schlagen die Bleche Wellen und ziehen sich bei Abkühlung wieder glatt. Am nächsten heißen Tag wiederholt sich der Vorgang. An den Aufwerfungen ermüdet das Material und reißt. Es kommt zu Spannungs- rissen.“ An diesen Stellen kann Feuchtigkeit in die Dachhaut eindringen und die gesamte Konstruktion zerstören und auch die Rückseite des Bleiblechs. Wegen genau dieses Verarbeitungsfehlers mussten die Dachgauben des Schlosses Stol- berg erneut gedeckt werden (siehe Fotos unten). Zu lange Bleibleche waren horizontal miteinander verlötet worden und bildeten Auf- werfungen. Beim zweiten Anlauf haben die Giebel in der Längsachse eine Holzwulst bekommen und wurden kleinformatiger gear- beitet. „Ich empfehle jedem, im Zweifel einen Blick in die technischen Regeln zu werfen. Dort steht, wie lang die Schare höchstens sein sollten − die Maximallänge variiert je nach Materialdicke und Dachneigung: Je stärker die Neigung, desto kürzer, aber je dicker, desto länger darf ein einzelnes Blech ausfallen“, sagt Bleiexperte Jürgen Seifert. Tipp 2: Hohlkehlen Besonders kritische Stellen sind bei Bleidä- chern die Übergänge zwischen Gauben und Steildachflächen. Aus mehreren sich überlap- penden Scharen werden gerundete Hohlkehlen erstellt, die mit Haften an der Unterkonstrukti- on befestigt sind. Hohlkehlen erfordern inten- sive Treibarbeiten, etwa mit einem Klopfholz. Häufig muss das Blei dabei so stark bearbeitet werden, dass es ausdünnt. Ist dies der Fall, werden die Schare besser erst überlappend aneinander geschweißt und anschließend aufs Dach gebracht. Es empfiehlt sich, die vorbe- reiteten Gaubenanschlüsse vor der eigentlichen Eindeckung der Dachflächen zu montieren. Die Bleiverkleidung der Flächen überlappt dann die Anschlüsse, so dass deren Befestigun- gen an der Unterkonstruktion vor der Witte- rung geschützt sind. Tipp 3: Rundgauben Runde oder geschwungene Gauben wie am Schloss Stolberg sind an Denkmalen häufig anzutreffen. Bisweilen muss hier eine Schiefer- deckung durch Walzblei ersetzt werden, weil dieses die Feuchtigkeit besser ablaufen lässt und dem Windsog besser standhält. Eine Längst- wulst auf dem Scheitel der Gaube emp-fiehlt sich in der Regel und ist aufgrund der mangeln- den Krümmung auf dem Scheitel auch ver- gleichsweise einfach umzusetzen. Schwierig sind vor allemQuerfalze und die Hohlkehlen im Anschluss zur Dachfläche, da die Bleche und Falze hier zum Teil starke Krümmungen nach- vollziehen müssen. Zusätzlich zu den genannten Hohlkehlentechniken ist es hier zum Teil sinn- voll, die Bleche einzuschneiden und später Zwi- ckel einzuschweißen. Für die Querfalze emp- fiehlt sich die Montage mit Querhaften. Tipp 4: Querhafte sichern hohe Windlast Bei dieser Technik werden die Schare im Dachziegelprinzip übereinander angeordnet. Im Überlappungsbereich werden Kupferhafte mit Nägeln auf das jeweils untenliegende Blech samt Unterkonstruktion befestigt. Das überlappende Bleiblech wird dann mit ausrei- chend Spielraum für die thermische Ausdeh- nung in den Haft eingehangen, so dass dieser optisch verschwindet und die Befestigung vor der Feuchtigkeit geschützt ist. „Man hat in den letzten Jahrzehnten viel gelernt“, erzählt Sei- fert. „Der aktuelle Stand der Technik sind nicht sichtbare Querhafte. Die Anordnung der Hafte unter den Scharen ermöglicht eine problemlose temperaturbedingte Ausdehnung der Bleible- che. Zudem entsteht eine stabile Verbindung, die für Dächer mit hoher Windlast besonders geeignet ist.“ An Türmen müssen erhöhte Windsog- und Staudruckbelastungen einkalku- liert werden. Zudem sind die Bekleidungen gegen Abheben gesichert werden – eben durch mechanische Befestigung. Das heißt, dass die auftretenden Windlasten bei der Planung ent- sprechend des Gebäudestandortes der Gebäude- höhe und der Dachform zu berücksichtigen sind. Um denWindzuglasten in großen Höhen entge- genzuwirken, empfehlen sich kleinere, dickere Formate. Tipp 5: Mauern und Gesimse Der Zahn der Zeit nagt bei vielen historischen Gebäuden an Mauern und Giebeln – also am Stein. Abdeckungen mit Walzblei schützen vor Witterungsbedingungen, geben Halt und brem- sen so Verfall. Um den 2,5 Millimeter starken Blechen aus Kirchenblei der Röhr + Stolberg GmbH Halt zu geben, wurde zunächst ein Kupferblech als Vorstoßblech um das Gestein gelegt und mit Schrauben festgedübelt. Um eine Abtropfkante auszubilden, besitzt das Kupferblech einen Überstand an beiden Seiten. Um dieses Vorstoßblech wurde anschließend das Blei geschlagen. Der Materialüberhang ist notwendig, damit Regenwasser nicht am Stein hinunterläuft und die Korrosion vorantreibt, sondern in einigem Abstand abtropft. Am Schloss Stolberg wurden die Dachgauben fehler- haft saniert. Die zu großen Bleibleche hatten zu wenig Raum, sich zu dehnen und schlugen Falten. Typische Materialermüdung durch fehlende Dehnungsmög- lichkeiten: Spannungsrisse. Fotos: Stolberger Dach- und Sanierungsbau Bei der zweiten Sanie- rung der Dachfenstergau- ben wurden die Bleible- che im Überlappungsbe- reich mit Querhaften an der Unterkonstruktion befestigt. Das überlap- pende Bleiblech wird mit ausreichend Spielraum für die thermische Aus- dehnung am Haft einge- hangen, so dass dieser optisch verschwindet und die Befestigung vor Feuchtigkeit geschützt ist. Eine Längstwulst auf dem Scheitel der Gaube hal- biert die Formate, gibt mehr Ausdehnungsspielraum und lässt Wasser schneller abfließen. Wegen der man- gelnden Krümmung auf dem Scheitel ist sie einfach umzusetzen. Walzblei ist ein historischer Werk- stoff, mit dem im Laufe der Jahrhun- derte unzählige repräsentative Gebäu- de eingedeckt wurden. Sie müssen im Fall einer Instandsetzung wieder mit dem traditionellen Material saniert werden, um die ursprüngliche Optik zu bewahren. Beherzigt man einige Regeln bei der Verarbeitung von Walz- blei, sind die erneuerten Elemente gewappnet, viele weitere Jahrhunder- te zu überdauern. Die Fassadeneindeckung des Granusturms am Aachener Rat- haus wurde im Jahr 2010 mit Kirchenblei rekonstruiert. Zu dünne Bleche und unzureichende Befestigungen sowie falsche Löt- techniken hatten zu Feuchtig- keitsschäden geführt. 5 Tipps für die Denkmalsanierung mit Walzblei Übrigens: Mit 2,5 Millimeter starken Walzbleiblechen einge- deckte Dächer sind gar nicht so schwer, wie man vermutet. Ihr Gewicht ist mit dem eines Schie- ferdaches vergleichbar.

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