FDF DachNews - Ausgabe 3/2018
13 Über den Dächern von Moskau Ziel der Instandsetzungsarbeiten war die Wie- derherstellung der – 110 Jahre zuvor heftig kritisierten – Gestaltung im traditionellen rus- sischen Stil. Als Vorlage für die Restaurierung des Daches und die Wiederherstellung von Schmuckelementen wie First- und Gratleis- ten, Gaubenfenstern mit Konsolen und Zier- giebeln, Dachkämmen etc. dienten alte Fotos und die noch vorhandene historische Zinkde- ckung, die bei der Sanierung erhalten bleiben musste. Da die RHEINZINK GmbH in Russland ein ausgezeichnetes Renommee besitzt, entschie- den sich die Beteiligten, das Dach mit dem Titanzink des nordrhein-westfälischen Unter- nehmens zu restaurieren. Knapp 2000 m² Dachfläche wurden damit gedeckt und sämt- liche dekorativen Elemente daraus geformt – die fein gestalteten geraden und gebogenen Zierleisten und Turmbekrönungen, die Giebel der Gaubenfenster sowie die kunstvoll ver- zierten Turmspitzen, Vordächer und Gesimse. Für alle Dachflächen, Ornamente, Schorn- steine und die Türme kam RHEINZINK pre- PATINA blaugrau zum Einsatz, größtenteils in Form kunstvoll hergestellter Sonderrauten oder als Tafelmaterial für Zierleisten, Dachkämme etc. und bei flacher geneigten Dachflächen in Form von Scharen der Doppelstehfalztechnik. Das Titanzink wurde in Coils und in Tafeln nach Moskau geliefert und vom Verarbeiter zugeschnitten und weiterverarbeitet. Mit moderner Lasertechnik wurden zum Beispiel die reich verzierten Ornamentfüllungen aus Tafelmaterial ausgelasert. Alle Rauten wurden auf Grund ihrer spezifischen Form und Dreidi- mensionalität auf Kantbänken und mit Hand- zangen und dem Lötkolben hergestellt. Bei allen Rauten handelt es sich um Sonder- anfertigungen, denn sie wurden einzeln und in mehreren Ausführungen hergestellt: als Qua- dratrauten, als Spitzrauten und als Sonderrau- ten, die zudem – spezifisch für ihren Verlegeort – in unterschiedlichen Größen angefertigt wur- den. Damit die nach unten zeigenden Spitzen der Quadratrauten sich über die Dachfläche erheben, verlieh der Verarbeiter den Rauten Dreidimensionalität. Dazu formte er an zwei Seiten, die rechtwinklig aneinander stoßen, stehende Kan- tungen aus. Sie sind an der Rau- tenspitze etwa 10 mm hoch und verjüngen sich in ihrem Verlauf zum gegenüberliegenden Seiten- ende auf null. Die Stoßfuge der erhabenen Spitze wurde durch Weichlöten miteinander verbun- den und stabilisiert. Auch die Spitzrauten, die auf den höheren, turmartigen Walmdä- chern und auf den kleinen Dächern von Eingängen verlegt worden sind, wurden dreidimensional mit der erhabenen Spitze hergestellt. Einen hohen manuellen Einsatz erforderte die Herstellung der Son- derrauten, die die Form eines stili- sierten Kreuzes erhalten haben. Hier realisierte der Verleger die Plastizität, indem er das Zinkblech mit versetzt angeordneten, parallel verlaufenden Einschnitten versah, diese nach unten kantete und die versetzten Abkantungen durch angelötete Seitenstreifen verband. Auf weiteren Dachflächen befin- den sich kleine Sonderrauten in der Form von Biberschwanzzie- geln mit Rundschnitt. Das Besondere bei allen Rauten ist, dass seitlich ein zusätzlicher Sicherungssteg abgekantet ist, so dass sich die Teile ineinander haken und sichern lassen. Die Ausführung der Dachdeckung erfolgte für die Quadratrauten-, Sonderrauten- und Doppelsteh- falzdeckungen mit folgendem belüfteten Dachaufbau (von innen Das unter Denkmalschutz stehende Igumnov-Haus in Moskau zählt zu den Meisterwerken traditioneller russischer Baukunst. Zu seinen weit- hin sichtbaren Kennzeichen zählt ein kunstvoll verziertes Dach mit Zink- deckung. Das Haus im Herzen Mos- kaus ist das Domizil der Französi- schen Botschaft. Nach umfassender Fassadensanierung und aufwändiger Rekonstruktion der stilvollen Dach- deckung erstrahlt es in neuem Glanz. Kunsthandwerk aus Zink Historie Das imposante Bauwerk kann auf eine ereig- nisreiche Geschichte zurückblicken: 1851 erwarb die Kaufmannsfamilie Igumnov das mit zwei Herrenhäusern bebaute Areal. 1880 beauftragte Nikolaj Vasilyevich Igumnow den Architekten Nikolaj Pozdeev, die beiden Häuser miteinander zu verbinden und zu einer prächtigen Residenz umzubauen. 1883 begannen die Bauarbeiten. Aufgrund der dabei freigelegten Gestaltung beschlossen Bauherr und Architekt 1888, die bestehende Planung zu ändern und das Gebäude im rus- sischen Stil umzubauen. Inspirationen dafür holte sich der Architekt in Jaroslawl, eine der ältesten Städte Zentralrusslands. Für das Igumnov-Haus ließ er Steine aus den Niederlanden verbauen, die Fassade mit far- bigen Fliesen aus der berühmten Kuznetsovo Manufaktur verzieren und das Dach prächtig mit Zink gestalten. 1893 erstrahlte das Igum- nov-Haus in neuem Glanz – wurde aber in der Öffentlichkeit wegen seiner Gestaltung heftig kritisiert. Nach der Oktoberrevolution 1917 ging das Gebäude in staatliches Eigen- tum über und wurde zunächst für kommu- nale Einrichtungen genutzt. Ab 1926 diente es unterschiedlichen medizinischen Institu- ten und ab 1938 der französischen Regierung für diplomatische Zwecke. Die Ernennung zur Französischen Botschaft erfolgte 1979. Obwohl dafür einige Bauarbeiten durchge- führt worden waren, befand sich das Gebäude in einem schlechten Zustand. Die dringend notwendigen Sanierungsarbeiten startete die Behörde zur Verwaltung staatli- cher Botschaftsgebäude allerdings erst 2007. Zu den handwerklichen Herausforderungen zählten die zahlrei- chen Übergänge von dekorativen zu technischen Elementen. Vergleich der alten, zum Kreuz stilisierten Rau- ten oben mit den neuen Rauten aus RHEIN- ZINK prePATINA unten. Die Walmdächer sind mit quadratischen und spitzen, biberschwanzförmigen und zum stilisierten Kreuz geformten Sonderrauten gedeckt, die Satteldächer mit Doppelstehfalzprofilen. nach außen): bestehender Holzdachstuhl mit teilweiser Erneuerung der vorhandenen Spar- ren aus Rundholz (Ø 150 mm), Brettholzscha- lung 150 x 50 mm mit direkter Verlegung von Rauten oder Stehfalzscharen auf dem Brett- holz. Bei Dachneigungen ≤ 25° wurde insbe- sondere für die Rautendeckung eine bitumi- nöse Polymerbahn mit Strukturmatte AIR-Z unter der RHEINZINK-Deckung verwendet. Die Befestigung der Rauten und der Doppel- stehfalzschare erfolgte mit den jeweils dafür geeigneten Haften. Hohe handwerkliche Qualität Die Herausforderungen zur Instandsetzung und Neudeckung des Daches hat der Verarbeiter in hoher handwerklicher Qualität gemeistert. So erhielten die mit den Quadratrauten gedeckten Dachflächen – ergänzend zur Dreidimensiona- lität – eine besondere Gestaltung durch die schachbrettartige Verlegung der beiden Ober- flächenqualitäten RHEINZINK prePATINA blaugrau und RHEINZINK prePATINA schie- fergrau. Die flach geneigten Dachpartien wurden mit RHEINZINK in der Qualität prePATINA blau- grau gedeckt, die auch bei den Zierelementen Bild Mitte: Das schachbrettartige Muster entstand durch den Einsatz der beiden Oberflä- c h e n q u a l i t ä t e n RHEINZINK prePa- tina blaugrau und RHEINZINK prePa- tina schiefergrau. Bild oben: Details wie die reich verzier- ten Dachüberhänge wurden originalge- treu mit Zierleisten nachgebildet. Bild unten: Zum Auftrag gehörten auch die Abdeckun- gen der Kronen der Zaunpfeiler sowie die Zaunelemente. Das Cirkelhuset in Køge unweit von Kopenhagen ist eine Referenz für den sozialen Wohnungsbau in Dänemark. In dem ringförmigen Gebäude wohnen 132 Mietparteien. Robuster wetterbeständiger Schiefer von Rathscheck prägt die dunkle in der Sonne seidig glänzende Außenhülle mit massiver Anmutung. In der überwie- gend flachen Küstenlandschaft erscheint das Bauwerk der Wohnungsbaugesell- schaft Lejerbo damit mächtig und mono- lithisch wie ein Fels. Die runde Konstruktion bietet auf Seeland, der größten Insel Dänemarks, einen sinnvol- len Windschutz, für den farbigen Innenhof ein interessantes Mikroklima und den Schutz vor Lärm. Viel Licht und ein Energiever- brauch von nur 50 kWh/m² und Jahr prägen dieses umweltfreundliche Gebäude. Archi- tekt Lars Aaris von den Architekten BSAA aus Kopenhagen sieht das Bauwerk in der Tradition der skandinavischen Moderne und betont die Prinzipien der Einfachheit und Klarheit. Dazu gehören viel Licht und natür- liche Materialien. Aaris: „Wir konzentrieren uns auf innovative Designs und arbeiten immer an nachhaltigen Lösungen, die der Umwelt zugutekommen.“ Das ringförmige Gebäude (Durchmesser 65 m, Ringstärke: 11 m) steigt in Richtung Nor- den von drei auf sieben Geschosse an. Alle 132 Wohnungen, insgesamt 24 Wohnungstypen, durchdringen den Ring und besitzen Fenster zu beiden Seiten des Ringes. Jede Wohnung hat einen Balkon, viele sogar zwei. Die unteren Wohnungen blicken ins Grüne, die höher lie- genden im Norden des Ringes bieten darüber hinaus Aussichten auch über den Ring hinweg Richtung Süden bis zur Ostsee. Außen monolithisch und felsenhaft durch die Hori- zontale Deckung aus 60 x 30 cm großen Schiefern wirkend, erwartet den Bewohner im Innenhof eine private Welt. Kopenhagen: Schieferfassade für ein soziales Wohnprojekt Wetterschutz aus Schiefer: Die verbaute vorgehängte hinterlüftete Fassade ist eine bewährte Lösung. Während die Wetterschale für eine hohe Feuchtebelastung zum Beispiel aus Schlagregen konzipiert ist, wurde die Wandkonstruktion dahinter auf einen optima- len Wärme- und Schallschutz ausgelegt. Beim Cirkelhuset sind die massiven Beton- wände zweilagig mit insgesamt 25 mmMine- ralwolle gedämmt. Die 2200 m² große Schiefer-Vorhangfassade baut als sogenannte Horizontale Deckung auf einer Holz-Unterkonstruktion auf. Die Deck- art auf Basis von 60 x 30 cm großen Schie- fern gilt als eine der günstigsten Schieferfas- saden überhaupt. Es mag im sozialen Woh- nungsbau überraschen, aber beginnend ab ca. 45,- € pro Quadratmeter inklusive Verarbei- tung schlägt der Jahrmillionen alte Naturstein so manchen industriellen Wettbewerber. Dabei handelt es sich hier um einen Natur- stein, der unbrennbar, äußerst haltbar, UV- beständig, komplett recyclingfähig und bau- biologisch unbedenklich ist. Etwaige Repa- raturen gelingen in Køge besonders einfach, denn die großen Schiefer sind jeweils mit zwei glänzenden Edelstahlblechen einge- hängt. 12 BAUEN INTERNATIONAL und den Sonderrauten mit den unterschiedli- chen Formen und Größen zum Einsatz kam. Von der gesamten Dachfläche verblieben kleinere Teilflächen der Dachdeckung auf Grund des guten Zustands an Ort und Stelle. Ca. 90 Prozent der Dachdeckung musste – unter Einbeziehung der vorhandenen Deckung – neu gedeckt werden. Zu den wei- teren Herausforderungen zählten die zahlrei- chen Übergänge von den dekorativen zu den technischen Elementen sowie die Einhaltung der vom Bauherrn vorgegebenen Termine. Die Profis der Klempnerzunft haben ein ein- zigartiges, kunstvoll gestaltetes Dach mit handwerklich anspruchsvollen Detailausfüh- rungen rekonstruiert.
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